Mit E-Bike und Pfeife für einen guten Zweck

16 Bundesländer, 16 Fußballspiele, eine große Herzensangelegenheit: Schiedsrichter Oliver Günther radelt für die Obdachlosenhilfe durchs Land. Nun hat er in Thierbach Station gemacht.

Von Sandra Hüttner

Thierbach. Wenn Oliver Günther sein E-Bike abstellt, den Helm abnimmt und wenig später mit der Pfeife in der Hand auf den Fußballplatz tritt, dann ist das für ihn mehr als nur ein weiteres Spiel. Es ist eine Etappe auf einer Reise, die von Sport erzählt, von Mut, vom Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt – und von Menschen, die am Rand unserer Gesellschaft oft übersehen werden.

Der 62-Jährige aus Schleswig-Holstein ist seit dem 30. Juni im Ruhestand. Doch statt sich zurückzulehnen, hat er sich eine Aufgabe gesucht, die Beine, Herz und Haltung gleichermaßen fordert: 16 Bundesländer, 16 Fußballspiele, 16 Mal als Schiedsrichter auf dem Platz. Und das alles mit dem E-Bike, Anhänger fürs Gepäck inklusive.

Bild: Maik Schneider

„Vor dem Ruhestand habe ich mir Gedanken gemacht – dass ein tiefes schwarzes Loch kommen könnte“, erzählt Oliver Günther. Andere Ruheständler gingen auf Reisen oder pilgerten auf dem Jakobsweg. Günther indes nahm ein besonders ungewöhnliches Projekt in Angriff: Er fragte die Künstliche Intelligenz, ob schon einmal ein Schiedsrichter in allen 16 Bundesländern ein Spiel gepfiffen habe. Die Antwort lautete: Nein.

So wurde aus dieser Frage, dieser Idee ein Mammutprojekt – eine Reise quer durch Deutschland. Und aus der Radltour und aus jeder Partie wurde ein Beitrag für eine gute Sache.

Auch Bayern gehört dazu, genauer: Oberfranken, der Landkreis Hof, der Bad Stebener Ortsteil Thierbach. Hier leitete Oliver Günther das Spiel der zweiten Herrenmannschaft des SV 05 Froschbachtal gegen die SG Oberland (Marktleugast, Hohenberg und Marienweiher). Bis zu seiner Ankunft in Thierbach hatte er seit dem Start am 10. Juli bereits 2030 Kilometer zurückgelegt. Die nächste Station war Gahma, ein Ortsteil der Gemeinde Remptendorf im Saale-Orla-Kreis in Thüringen. „Zum nächsten Spiel sind es nur 30 Kilometer“, erwähnt Oliver Günther beinahe beiläufig – eine solche Strecke mit Anhänger am E-Bike ist offenbar für ihn nur wie ein kurzer Spaziergang.

Oliver Günther steht seit 2005 regelmäßig als Schiedsrichter auf dem Platz. Davor jagte er selbst als aktiver Spieler dem Ball hinterher. Der Fußball ist ihm vertraut, der Ton am Spielfeldrand ebenso wie die Konzentration während der 90 Minuten. Doch diese Tour schenkt ihm noch etwas anderes: Nähe. „Mit dem Rad lernst du Ecken in Deutschland kennen, das erlebt man mit dem Auto nicht“, sagt er begeistert. Er erzählt von Landschaften, kleinen Orten und vor allem von freundlichen Menschen, die ihm unterwegs begegnen. Umweltfreundlich ist diese Reise außerdem – aber vor allem ist sie menschlich.

Bild: Maik Schneider

Denn hinter der sportlichen Herausforderung steckt eine große Herzensangelegenheit. Günther sammelt Spenden für die „Mobile Bullysuppenküche“ in Hamburg, die obdachlose und bedürftige Menschen unterstützt: Seine Schiedsrichter-Honorare gibt er vollständig weiter. „Ich habe mir das Projekt Suppenküche selbst angeschaut, und es verdient Hochachtung“, unterstreicht er. Stadionsprecher Stöckl wirbt ebenfalls um Unterstützung. Während des Spiels geht eine Spendenbox herum.

In Thierbach wird „Olli“, wie sich der sympathische Schiedsrichter lächelnd vorstellt, herzlich empfangen. Bürgermeister Maximilian Stöckl, selbst Schiedsrichterkollege und an diesem Tag als Stadionsprecher im Einsatz, begrüßt ihn ebenso wie Ehrenamtsbeauftragter Rainer Wunderlich, Vorsitzender Stefan Preisinger und dessen Stellvertreter Peter Singer.

Auch die zahlreichen Zuschauer spenden Applaus. Für einen Moment steht weniger das Spiel im Mittelpunkt, sondern ein Mann, der den Sport nutzt, um Aufmerksamkeit auf Menschen zu lenken, die sie dringend brauchen.

Nach Thierbach gekommen ist Oliver Günther durch Christopher Zier, Obmann der Schiedsrichtergruppe Hof. „Einfach ein glücklicher Zufall“, freuen sich die Verantwortlichen des SV 05 Froschbachtal. Doch dieser Zufall passt zu einer Reise, auf der jedes Spiel eine eigene Geschichte schreibt. Sie verbindet Sport, soziale Verantwortung und persönliche Leidenschaft und zeigt, dass Engagement nicht laut sein muss, um Wirkung zu entfalten. So genügen ein E-Bike, eine Pfeife, ein Anhänger voller Gepäck – und der feste Wille, etwas Gutes in Bewegung zu bringen.

Spenden: Wer Olli und die Obdachlosenhilfe unterstützen möchte, kann spenden an: Mobile Bullysuppenküche e.V.; Verwendungszweck: Olli on Tour; IBAN: DE67 8306 5408 0004 0056 19. Weitere Informationen gibt es unter bullysuppenkueche.de.

Bild: Maik Schneider

Quelle: Frankenpost, Ausgabe Landkreis Hof, 18. August 2026, S. 13 – Artikel „Mit E-Bike und Pfeife für einen guten Zweck“ von Sandra Hüttner.